Zuhause bei Lydia Ourahmane

Zuhause bei Lydia Ourahmane
Installationsansicht, Lydia Ourahmane, Barzakh, Kunsthalle Basel, 2021. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel.

BarzakhKunsthalle Basel, bis 16. Mai 2021

Ich gehe die Stufen der Kunsthalle zum Obergeschoss hinauf, vorbei an einem Video, in dem die Künstlerin Lydia Ourahmane von der Direktorin und Kuratorin Elena Filipovic interviewt wird, und stolpere in eine Ausstellung hinein, die dem biederen Wohnzimmer meiner Oma in nichts nachsteht. Mit nur 29 Jahren gehört Ourahmane zu den jüngsten Künstler:innen, die bisher in der Kunsthalle Basel ausgestellt haben. Ich hatte mich auf vieles gefasst gemacht – Video, Sound, vielleicht sogar etwas mit VR oder Augmented Reality, etwas Partizipatives oder Performatives – jedenfalls etwas »junges«. Auf eine spießbürgerliche Wohnung war ich jedoch nicht gefasst.

Wunderbar! Ourahmane hat mich erwischt und überrascht – jetzt wird es spannend!

Bitte jetzt einschalten und während dem Lesen hören.

3 Zimmer, Küche, Bad

Der erste Raum ist von einer kompletten Wohnungseinrichtung ausgefüllt. Direkt am Eingang gehe ich an einem weißen alten Gasherd vorbei. Er ist dreckig und verspritzt. Daneben weiße Einbauschränke, die ausgebaut wurden, ein weißer Kühlschrank mit Fotos von jungen Leuten und Scrabble-Buchstaben, die zu Namen von Besucher:innen zusammengesetzt wurden. Als hätte jemand Zeugnis von seiner Anwesenheit ablegen wollen, ganz im Ich-war-hier-Sinne, wie man es von Toilettentüren oder Holzbetten aus dem Schullandheim kennt. »Das ist ziemlich privat hier« – denke ich, als ich die Künstlerin selbst in den kleinen Fotoautomaten-Bildchen auf dem Kühlschrank erkenne und mich weiter in die Wohnung hineinwage.

Ich gehe zwischen dunklem, schwerem Holzmöbel hindurch, das die verschiedenen Wohnräume kennzeichnet: Kommode und Bett ergeben das Schlafzimmer, die abgewetzte Ledergarnitur das Wohnzimmer und aus einem Holztisch mit Stühlen und Récamiere setzt sich ein Arbeitszimmer zusammen. Krimskrams liegt überall verteilt. Lippenstift, Schmuck, Stifte, Zettel, Kerzen, Karten, Fotoalben, Tampons. Wäre diese Wohnung nicht zwischen Kunsthalle-Wänden, sondern zwischen Wohnungswänden, würde ich jederzeit damit rechnen, dass die Bewohnerin hereinkommt – durch die herausberochene doppelte Tür mit neune (!) Schlössern, dem dominantesten Objekt im Raum.

Wie bei Oma und Opa

In dem direkt angrenzenden Raum dahinter hängt eine Landschaftsmalerei in goldenem Rahmen. Durch die Bildmitte fließt ein Bach, gesäumt von strahlend grünen Wiesen und einigen Birken, umgeben von einem wunderschönen Gebirgspanorama und natürlich – thronend im Mittelpunkt der Malerei – eine schnuckelige, weiße Kapelle. Das Klischee bieder-deutschen Heimeligkeit kann nicht übertroffen werden. Im letzten Raum befinden sich einige Zimmerpflanzen, ein Stativ mit Laser, der zum Fenstern hinaus gerichtet ist, und ein kleines Nachtlicht in einer Steckdose.

Tatsächlich ist diese Wohnung, die sich nun vollständig in der Kunsthalle Basel befindet, Lydia Ourahmanes Wohnung, in der sie zwei Jahre lang in Algier, Algerien gewohnt hat. Ziemlich genau so, mit und zwischen diesen Möbeln und mit all den tausenden von kleinen Gegenständen, hat sie gelebt. Für ihre erste große institutionelle Ausstellung hat sie sich obdachlos gemacht und alles, was sie besitzt und mit was sie gelebt hat, von Algier bis nach Basel transportieren lassen.

Viele Grüße aus Düsseldorf

Obwohl ich selbst noch nie in Algier war, hätte ich mir eine Wohnung aus dem nordwestafrikanischen Staat anders vorgestellt – vor allem weniger deutsch. Die Einrichtung ist jedoch tatsächlich aus Deutschland, wie die kleinen Aufkleber auf den Möbelrückseiten bezeugen. Das gesamte Interieur stammt von der Vorbesitzerin der Wohnung. Die Algerierin war zu Lebzeiten mit einem deutschen Mann verheiratet und lebte mit ihm in Deutschland. Nach der Scheidung entschied sich die Frau nach Algerien zurückzukehren und den gesamten Hausrat über das Mittelmeer hinweg mitzunehmen. Als Ourahman nach dem Tod der Frau in die Wohnung zur Miete einziehen durfte, fand sie diese komplett eingerichtete Wohnung vor – mit Möbeln aus Düsseldorf, Deutschland. So begann die Künstlerin zwischen diesen Möbeln, die Zeugen der Lebensgeschichte einer fremden Person sind, ihr Leben in Algier.

Grenzüberschreitend

Ourahmane hat nicht nur Objekte zwischen Kontinenten bewegt und sie Ländergrenzen überschreiten lassen, vor allen Dingen legt sie die persönlichen Geschichten frei, die sich über Jahrzehnte in die Objekte eingeschrieben haben. Unter diesen jedoch scheinen geopolitische und (post-) koloniale Strukturen hervor, die individuelle Lebensgeschichten rahmen und lenken. Die alleinstehende Künstlerin fand beispielsweise nur unter großer Anstrengung eine Wohnung für sich. Es ist in dem muslimisch geprägten Algerien, in dem der Einfluss islamistischer Gruppen immer stärker wird, unüblich, dass eine alleinstehende Frau nicht im Elternhaus wohnt. Erst die 34. Wohnung durfte sie mieten, eine Wohnung, die bereits zuvor von einer geschiedenen, alleinstehenden Frau bewohnt war.

Der Kolonialismus und sein Erbe

Die doppelte Wohnungstür berichtet von der politischen Geschichte des Landes. 1830 besetzte Napoleon Bonaparte Algerien und erklärte das Land zur französischen Kolonie. Erst nach über 130 Jahren kolonialer Herrschaft konnte sich das Land nach einem blutigen Dekolonialisierungskrieg 1962 für unabhängig erklären. Darauf folgten eine Diktatur, später eine demokratische Verfassung, eine wirtschaftliche Öffnung des Landes in den späten 1970er und 1980er Jahren, bis schließlich ein heftiger Bürgerkrieg in den 1990er Jahren ausbrach, in dem sich Islamisten und das algerische Militär gegenüberstanden. Kurzum gesagt: das Land ist seit geraumer Zeit erschüttert von politischen Machtansprüchen und militärischen Auseinandersetzung.

Das Haus, in dem die Künstlerin gelebt hatte, war vor der Unabhängigkeit gebaut worden. Dementsprechend wurden die Gebäude und Fassaden in einem »französischen« Stil gestaltet, was man der Holztüre ansieht. Erst als sich die politische Lage in den 1990ern verschärfte und das Leben unsicherer wurde, kam zu der Holztüre eine zweite Tür aus Metall hinzu. Ganze neun Schlösser sichern beide Türen zur Wohnung ab.

Hier fühle ich mich wohl – hier bin ich zu Hause

Installationsansicht, Lydia Ourahmane, Barzakh, Kunsthalle Basel, 2021, Blick auf, 21 Boulevard Mustapha
Benboulaid (entrance), 1901–2021. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel. Detail.

Meine eigene Wohnung ist mein Schutzraum, der letzte Rückzugsort, den ich habe. Sicherheit, Privatheit, Geborgenheit. Das alles sind für mich elementare Bestandteile meiner vier Wände. Was aber, wenn man sich nie sicher fühlt?

Ich habe die Künstlerin selbst darauf angesprochen, wie es war, in einer Wohnung zu leben, die durch neun Schlösser gesichert war. Sie hat gelacht. Die Schlösser sein kein Schutz vor Eindringlingen, sondern würden ihr allenfalls etwas mehr Zeit verschaffen, selbst aus der Wohnung flüchten zu können. Eine mögliche Flucht hat sie oft im Kopf durchgespielt. Alle Schlösser verschloss sie niemals. An normalen Tagen machte sie lediglich von drei Schlössern Gebrauch, nur an Tagen, an denen sie sich besonders unsicher fühlte, verschloss sie die Türen fünfmal.

»But I never felt save in this flat.« – Lydia Ourahmane

Gutes Wetter ist leiser

Und? Läuft die Tonspur vom Textanfang noch? Stört sie Dich vielleicht?

Die gesamte Installation ist in ein Wummern gehüllt, das schwer auf jedem einzelnen Objekt liegt. Ein Laser im letzten Raum der Ausstellung strahlt über den Hof der Kunsthalle bis auf einen kleinen Spiegel, der den Laser zurück über den Hof bis vor den Ausstellungseingang wirft. Auf diesem Weg kann der Laser durch starken Wind, Regen oder Schnee gestört werden. Diese Störungen sammelt er als Information. Vor dem ersten Ausstellungsraum angekommen, verläuft der Laser angereichtert mit Informationen quer durch die Ausstellung und erreicht über verschiedene Umwandler die Stereoanlage der Wohnung. Dort werden die Laserstörungen aus dem Hof zu einem Geräusch. Das ist das, was Du gerade hörst. Wird der Laser in der Ausstellung jedoch durch Besuchende gestört, unterbricht das Signal und es wird kurzzeitig keine Audiospur übertragen. So kommt es, dass es im Ausstellungsraum bei gutem Wetter sehr leise, bei Regen und Sturm sehr laut ist.

Ruf an und hör zu

  • 4: +41 77 207 89 09, 2021
  • 5: +41 76 797 71 81, 2021
  • 6: +41 77 225 88 83, 2021
  • 7: +41 76 727 26 46, 2021

Neben dieser Soundinstallation gibt es weitere fünf schwarze Glaskörper, die mit Abhörgeräten ausgestattet sind. Die Titel der Glaskörper bestehen aus Telefonnummern, die jederzeit von jeder und jedem angerufen werden können. Darüber lässt sich still und heimlich in die Ausstellung hineinhören und die sich darin befindenden Menschen abhören. Der durch die Glaskörper aufgenommene Sound wird zusätzlich in den Möbeln abgespielt, wodurch ein Überwachungsloop entsteht.

Mit diesen komplizierten Soundinstallationen und Abhörvorrichtungen bricht Ourahmane abermals den privaten Charakter einer Wohnung. Das hier ist kein Schutzraum. Er ist überwacht, über verschiedene Wege öffentlich zugänglich, und alles andere als sicher, ganz gleich, ob alle neuen Schlösser verschlossen werden. Der Eingriff in die Privatsphäre und der einseitige Zugang zu Informationen macht Machtstrukturen greifbar.

Unter der unschuldig daherkommenden, bieder-deutschen Wohnung rumort Ungleichheit, Grenzen, Macht, Gewalt und die Last des kolonialen Erbes.