Rudolf Maeglin – Vom Arzt zum Maler

Rudolf Maeglin – Vom Arzt zum Maler

Wenn drei Galerien eine kollaborierende Ausstellung zu einem uns noch unbekannten Künstler organisieren, sind wir als Kunstgeschichtstudentinnen natürlich ganz Ohr.

Am Wochenende des 20. März 2021 ging’s los. Die drei Galerien Nicolas Krupp, Mueller und Knoell starteten mit ihrer gemeinsamen Ausstellung zum Künstler Rudolf Maeglin. Als mir Charlotte eine Woche zuvor den Vorschlag bereitete, den Galerien einen Besuch abzustatten, war ich sofort Feuer und Flamme. Es war schon viel zu lange her, dass wir Kunstwerke im Original betrachten haben. Auf diesen Galerienrundgang nehmen wir Euch nun direkt mit!

Erster Stopp bei Nicolas Krupp
Wir begeben uns zunächst in den hintersten Raum, indem uns ein über zwei Meter breites Gemälde entgegenblickt. Vor uns bietet sich eine detaillierte Nahaufnahme aus dem Basler Hafenmilieu. Arbeiter laden Transferpakete ins Innere eines Frachtschiffes. Das Bild ist in erdig, aber nüchternen Farben gehalten. Obwohl das Werk kein wirkliches Element der Narration enthält, die Bildsprache fast schon als sachlich zu bezeichnen ist, bin ich seltsam davon berührt. Vielleicht liegt es an der rechten Gestalt, die im Vergleich zu den kräftigen, muskulösen Rückenansichten der zwei links positionierten Arbeiter wie ein lebloser Geist wirkt.

Rudolf Maeglin, Handel. Entwurf für ein Wandbild, 1942.

Dieses bedrückende Gefühl verändert sich sofort, als ich die gegenüberliegenden Werke Maeglins anschaue. Hier entwickelt sich keine emotionale Verbindung, die Bilder sind im realistischen Stil gemalt. Auch im vorderen Raum zeigt Nicolas Krupp Werke, deren Motive sich auf Industriegebiete und weitere Hafengelände konzentrieren. Die Gemälde erscheinen anonym, selten sind Menschen darauf auszumachen und kommen einem dokumentarischen Stil gleich. Mein anfänglich emotionaler Zugang ist verschwunden.

Rudolf Maeglin, Die Dreirosenbrücke mit grossem Kran, 1933.
Rudolf Maeglin, Baustelle, ca.1961.

So aber bin ich ganz überrascht, als ich rechts vor der Empfangstheke nochmals drei ganz andere Bildtypen entdecke. Zwei der drei zeigen die Basler Heuwaagestation um 1969, das dritte Werk ist ein einzelnstehendes Privathaus. Hier leben die Bilder durch eine kraftvoll buntere Farbpalette auf und strahlen eine Dynamik aus, die einen Kontrast zu den anderen Bildern im Raum setzen. Das Motiv des Privathauses stellt zudem einen persönlicheren Bezug her. Wie wir später erfahren werden, ist es das Atelierhaus des Künstlers.

Rudolf Maeglin (1892-1971) war ursprünglich gelernter und praktizierender Arzt. Um 1919 hängte er seinen medizinischen Beruf jedoch an den Nagel und entschied sich für die Laufbahn eines freien Malers. Bedenkt man die Zeit und den Stellenwert der neuen Tätigkeit, ein mutiger Schritt. Nach Studienreisen in Frankreich, Italien und Spanien kehrte er 1927 nach Basel zurück. Hier begann er als Hilfsarbeiter in Fabriken und auf Baustellen zu arbeiten, die ihm die Inspiration für seine späteren Werke lieferten.1

Nicolas erklärt, dass der Grund der Ausstellung einerseits eng mit seiner persönlichen Geschichte zu Rudolf Maeglin zusammenhängt. Er ist mit Maeglins Werken aufgewachsen. Sein Grossvater war dessen Arzt und hat ihn mit Bildern bezahlt. Die Kunstwerke faszinierten ihn schon immer. Der Wunsch eine Ausstellung zum Künstler zu planen kam daher nicht von ungefähr. Wie wir später im Gespräch mit Carlo Knoell erfahren, wollten alle drei Rudolf Maeglin ohnehin zeigen: «Wir empfanden es als wichtig, die Position des Künstlers zu betonen. Zu dritt kann man dem mehr Gewicht verleihen.»

Ganz angetan von den Werken und Rudolf Maeglins Biografie geht die Reise für uns weiter.

Zweiter Halt: die Galerie Mueller
In der Galerie treffen wir auf einen unerwartet anderen Werkfokus. Hier werden zahlreiche Portraits und Skizzen von hauptsächlich männlichen Figuren gezeigt. Wie wir im anschliessenden Gespräch mit dem Galeristen Dominik Mueller erfahren, liegt hier der Schwerpunkt auf Rudolf Maeglins zeichnerischem Werk. Dominik erzählt uns, dass das Spätwerk des Künstlers einen klaren Kontrast zu seinen Frühwerken setzt. Ab den 1960 zog sich Maeglin langsam zurück und malte von zu Hause aus. Obwohl er sein Motiv veränderte, verband er seine Malarbeit stets mit seinem Umfeld. Die Nachbarsgesellschaft stand ihm Modell und er porträtierte ihre Charakterzüge in schnellen Skizzen.

Wie aus dem Ausstellungskatalog zu entnehmen ist, scheint es nicht einfach zu sein, Maeglin kunsthistorisch einzuordnen. Sein Stil ist nicht durch typisch schweizerische Motive geprägt, und obwohl ihn die Stimmung des zweiten Weltkrieges sicherlich beeinflusste, war Maeglin kein klassischer Maler der Nachkriegszeit.2 Werner Schmalenbach, Schweizer Kunsthistoriker, bringt es in seinem Essay auf den Punkt, wenn er betont, dass das Motiv die Richtung vorgibt:

«Maeglin war ein Maler der Bauplätze, der chemischen Fabriken und der Industriearbeiter. Sein ganzes Schwergewicht ruht in der Sache, um die es ihm geht, und nicht in dieser oder jener modernistischen Form. Für diese Sache aber hat er eine eigene und unverwechselbare formale Sprache gefunden».3

Diesen Aspekt diskutieren wir an unserem letzten Halt mit dem Galeristen Carlo Knoell. Der Schwerpunkt in seinen Räumlichkeiten liegt auf dem des Arbeiters. Bei Carlo sehen wir Einblicke in dessen Alltag. Seien es Szenen auf dem Bau, dem Industriegelände oder ganz privat zu Hause.

Rudolf Maeglin, Familie D., 1946.
Rudolf Maeglin, Farbarbeiter in der Fabrikgasse, 1946.

Um diese Szenen zu malen, ist es laut Carlo Knoell unabdingbar für Maeglin gewesen, selbst ein Teil dieser Arbeitergesellschaft zu werden. Lange spürte Maeglin wenig Verständnis für seine berufliche Umorientierung, der Schritt vom angesehenen Arzt zum einfachen Arbeiter war aus gesellschaftlicher Perspektive schwierig nachzuvollziehen. Doch Maeglin liess sich nicht beirren. Knoell betont dabei, dass die Art und Weise wie sich Maeglin seinen Motiven annäherte, höchst wertschätzend war:

«Maeglins Werke wollten kein Mitleid erzeugen. Sie sind weder auf einen kritischen Kommentar aus, noch wollten sie die problematischen Arbeitsbedingungen des Arbeiters an den Pranger stellen. Allerdings gib er durch seine Kunst einer Randgesellschaft eine Plattform, um deren Existenz zu untermauern».

Mein Fazit? Eine definitiv gelungene Ausstellungskonzeption, die das Oeuvre Rudolf Maeglins in neuem Licht erscheinen lässt. Gerade die Aufteilung der drei Standorte und deren einzelne Schwerpunkte funktionieren wie ein Navigator durch Rudolfs Maeglins Kunstpraxis und Leben. Betont sei auch, dass der damit verbundene Rundgang durch die Stadt Basel einem Maeglins Motive direkt vor Augen führt, eine Differenz von damals und heute wird erfahrbar. Und so blickt man vielleicht mit neuem Blick auf die eigene Stadt, die eigene Gesellschaft.

1 https://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4023460
2 Maeglin 2021, Vorwort und Dank, S. 13.
3 Maeglin 2021, Werner Schmalenbach, S.237.

Literatur
Maeglin 2021
Ausst.kat. Rudolf Maeglin, Christoph Merian Verlag, 2021.