«Rembrandts Orient» – Kunstmuseum Basel

«Rembrandts Orient» – Kunstmuseum Basel
Kunstmuseum Basel. Julian Salinas

Semesterende

– Flashback –

Es ist Dezember 2020. Japsend starten wir in die letzte Semesterwoche. Nach einem Semester, das hoffnungsvoll mit Maske in den Museen und Seminarräumen startete, und an den Schreib- und Küchentischen unserer Zimmer endete, beginnt die letzte Woche. Zoom – eine Hassliebe – darf in die Winterferien. Zuvor nur noch schnell ein Referat halten, eine Prüfung schreiben, ein Paper abgeben, noch ein Referat halten, eine Sprechstunde wahrnehmen und das nächste Seminararbeitsthema vorstellen.

Hinter Aline leuchtet Dan Flavins «Untitled. In memory of Urs Graf» (1972), das für den Innenhof des Kunstmuseums konzipiert wude.

Freitag. Aline steht eingemummelt in einen dicken Wintermantel und mit roter Wollmütze unter den Arkaden des Hauptbaus des Kunstmuseums Basel und Zoom ist in den Ferien. Seit Wochen ist die Stadt plakatiert mit dem alten, bärtigen Rembrandt, gekrönt von einem aufwendig gewickeltem weißen Turban. Goldschmuck on top.

Paaarty

Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnungen in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts, kuratiert von Dr. Bodo Brinkmann und Gary Schwartz.

Das ist der aufwendige Titel unserer corona-freundlichen Semesterabschlussparty. Bei dem Titel muss ich innerlich schmunzeln. Die während des Semesters besprochenen Debatten rund um Postkolonialismus, kulturelle Aneignung und hegemonialen Blick- und Darstellungsstrukturen sind schon startklar, bereit in den Ring zu steigen.

Im ersten Raum lesen wir brav den kurzen Text an der Wand und ich muss schon schnauben. „Durch Handel, Reisen und Publikationen“ sind die ‚fremden‘ Länder des Nahen, Mittleren und Fernen Osten in den Blick des Künstlers geraten. Es klingt wie ein nüchterner Austausch verschiedener Kulturen und einem fruchtbaren Aufbau von Handelsbeziehungen. Dass das 17. Jahrhundert geprägt war von gierigen Kolonialmächten, die militärisch unterlegene, aber souveräne Länder, einnahmen und ungleiche Handelsabkommen und herrschaftliche Strukturen aufgebaut haben, lässt sich aus diesen Zeilen nicht lesen. Wie es uns schon in anderen Ausstellungen passiert ist, stehen wir mal wieder im ersten Raum und verwickeln uns in Diskussionen darüber, wie differenziert Sprache sein muss und welche Verantwortung eine Institution wie das Kunstmuseum Basel trägt.

Vielleicht wird das Kunstmuseum jedoch ausschließlich von einem bereits sehr sensibilisierten Publikum besucht, das sich bewusst ist über den hochproblematischen Zusammenhang zwischen Kolonialisierung, kultureller Aneignung, sich füllenden Wunderkammern  und einer ausgeprägten Sammelwut – ähm, Entschuldigung – Sammellust. Vielleicht.

Habibi!

An dieser Stelle muss ich auf den Podcast des Kunstmuseum Rembrandt, habibi! von Amina Aziz verwiesen. Aziz geht kritisch, provokativ und witzig zusammen mit verschiedenen Gästen auf die Ausstellung ein und bespricht und informiert zum Thema Postkolonialismus. Eine sehr wertvolle inhaltliche Ergänzung zur Ausstellung! Meine wärmste Empfehlung.

Also gut – Wir reißen uns los und gehen gemeinsam durch die folgenden Räume. Manchmal wie die anderen Museumsbesucher*innen, still und leise, jede für sich, betrachten wir Gemälde, Radierungen und lesen Texte. Manche intensiv, manche übersehen wir. Dann zeigen wir uns wieder Besonderheiten. In der Arbeit Der Markt von Batavia von J.F.F. nach Andries Beeckman, im letzten Raum, entdecke ich ein mixed-race couple. Wir überlegen gemeinsam, wie und wo das Paar abgebildet ist und in welcher Beziehung sie zueinanderstehen. Nach dem Ausstellungsbesuch sitzen wir in unsere Gedanken vertieft und in Gespräche verwickelt noch lange auf einer der Sitzinseln im Treppenaufgang des Kunstmuseums.

Zurück aufs Sofa

Anfang Januar, die Kunstinstitutionen sind nun geschlossen, entdecke ich den virtuellen Rundgang der Rembrandt Ausstellung auf der Website des Kunstmuseums. Das wird jetzt richtig oft gemacht, also besuche ich die Ausstellung nochmal.

Sonntagmorgens sitze ich auf dem Sofa und klicke mich durch die Ausstellung. Vielleicht weil ich die Ausstellung schon gesehen habe und die Arbeiten im Original kenne, verbleibe ich nur wenige Sekunden im ersten Raum. Mit wem soll ich auch über den Text sprechen? Beim Weiterklicken zum nächsten Raum entdecke ich die ‚Audioguide-Option‘. Also gut, das hatte ich im Kunstmuseum nicht. Eine freundliche Damenstimme erzählt mir vor ruhiger Orchestermusik etwas zu der Musikalischen Gesellschaft von Rembrandt Harmensz van Rijn – über die Kleidung, Statussymbole und die Musikinstrumente. Die Stimme verstummt und Soundcloud spielt automatisch das nächste Lied aus der Liste ‚ähnliche Tracks‘: Bad Boy von Juice WRLD ft. Young Thug. Ich bin verwirrt und mache die Musik aus.

Zurück zur Ausstellung. Im zweiten Raum bemühe ich mich, einen analogen Ausstellungsbesuch nachzuahmen. Ich lese wieder den Saaltext, schaue mich um, vergrößere die eine oder andere Arbeit und höre mir eine weitere Audiospur an. Zwei Frauen sprechen über Hanna bringt Samuel zu Eli von Gerbrand van den Eeckhout. Die dargestellte Szene zeigt die Mutter Hanna, wie sie nach lang ersehnter Mutterschaft ihren Sohn Samuel dem Oberhaupt anvertraut. Der Künstler, ein Schüler Rembrandts, geht in der Darstellung dem Wunsch der Auftrageber*innen nach, sie in orientalisierten Kostümen darzustellen.

„Will Smith and Martin Lawrence, I’m a bad boy”. Wieder spielt die Soundcloud automatisch den nächsten Titel ab. WRLD ft. Young Thug rappen über Bad Boys. Dieses Mal lasse ich sie. Wieder ein Song, der sich anhört, als gäbe es schon einen TikTok-Hype dazu.

Anlauf Nummer Zwei

Mit frischem Tee zurück zur Ausstellung. Im dritten Raum unter dem Titel „Wege zum Wohlstand. Handel und Krieg“ taucht die „Schattenseite“ des aufkommenden Welthandels, namentlich Sklaverei, Ausbeutung und Gewalt, auf. Der Saaltext klärt darüber auf, dass die Malerei nicht das Medium dokumentarischen Anspruches war. Sie stellte selbst gewaltvolle Auseinandersetzungen idealisiert dar.

Einige Arbeiten klicke ich noch durch, eine Audiospur beginne ich zu hören, springe aber in der Mitte in den nächsten Raum. Jetzt geht es immer schneller. In einer Vitrine ausgestellte Radierungen kann ich mir Dank digitaler Umsetzung zwar hochauflösend und sehr detailliert anschauen. Die nächsten Räume hingegen, ausgestellten Malereien, Radierungen und aufgedruckte Texte, überfliege ich gerade noch. Ich springe und benutze die Kunstwerke eher als Erinnerungsstütze daran, was wir dazu zu besprechen hatten, als sie nochmals genau anzuschauen und Gedanken weiterzuspinnen.

Uuups

Ehrlich gesagt schaffe ich es gar nicht bis zum Ende der Ausstellung. Irgendwie hatte ich die Ausstellung schon gesehen und die digitalen Spielereien sind nun alle erforscht und ausprobiert.

Der virtuelle Rundgang hat mir alles geboten, was ich mir von einer digital umgesetzten, eigentlich analog geplanten Ausstellung erhofft hatte. Ich kann mich räumlich bewegen, die Orientierung ist logisch und selbsterklärend. Jede Arbeit und jeder Text ist separat aufrufbar und hochauflösend abgebildet. Durch das Zoomen kann ich sogar kleinste Details entdecken, dem Pinselduktus folgen oder den Zustand der Malerei betrachten. Die Audiospur steht ebenfalls sehr unkompliziert zur Verfügung und hat für ein, zwei Lacher während des Ausstellungsbesuches gesorgt.

Nach einem ganzen Jahr Pandemie und immer wechselndem Alltag zwischen hoffnungsvollem Präsenzunterricht und geschlossenen Museen bin ich froh und beeindruckt von der digitalen Umsetzung der Ausstellung. Im Angesicht all dieser extra aufgebrachten Arbeit und Mühe möchte ich die Frage, ob das die richtige Strategie ist, eigentlich gar nicht stellen.

Trotzdem ist sie eben da. Es ist ein bisschen Altes und ein bisschen Neues. Sollen Ausstellungen, die für einen physischen Raum erdacht sind, digital umgesetzt werden? Und wenn der digitale Raum der einzige ist, in dem sich die Ausstellung noch zeigen lässt, was ist die beste Strategie? Sollte der physische Besuch möglichst nachgeahmt werden? Und dann ist da noch die ewig alte Frage nach der Erfahrung des Originals – kann diese durch eine hochauflösende Detailaufnahme imitieren lassen?

Digital ist wie Luftholen durch die Maske

Als ich Mitte Dezember mit Aline aus dem Kunstmuseum kam, hatte ich der Ausstellung eine zwiegespaltene Haltung gegenüber. Die gezeigten Arbeiten und Künstler waren durchaus spannend und das Thema an sich gibt so viele Möglichkeiten sich kritisch und reflektiert mit kolonialer Geschichte und deren Verarbeitung in der Kunst zu beschäftigen – viele davon empfand ich jedoch als ungenutzt. Nichtsdestotrotz hat mir die Ausstellung, der direkte Kontakt mit den Arbeiten und der Austausch mit Aline so viel mitgegeben. Nach dem virtuellen Rundgang, den ich nicht ganz geschafft habe, bleibe ich gleichgültig zurück. Dieses Mal haben mich die Texte viel weniger gestört, man kann schließlich einfach weiterklicken. An die Arbeiten bin ich trotz der Zoom- und Audioguide-Funktion nicht näher herangekommen. Der Ausstellung, dem Thema und den Künstler*innen wurde ich so sicherlich nicht gerecht.

Zum Glück hat die Frage zumindest vorübergehend an Brisanz verloren. Denn wer mag, kann in die Ausstellungsräume gehen. Wer lieber auf dem Sofa bleibt, kann sich den Rundgang bis heute anschauen. Damit ist er jetzt, Mitte März, mit geöffneten Museen und neuen Ausstellungen in den Kunsthäusern, so aktuell und zugänglich wie noch im Januar. Denn warum sollte man diesen schließen? Im digitalen Raum wird der Platz niemals eng.