Nähe

Nähe

Wie viele andere Menschen auch habe ich ein ganzes Jahr Homeoffice hinter mir. Meine Familie und Freunde konnte ich kaum sehen – Kontakt hielt ich über Telefon oder Videoanruf. Egal ob ich einen ganzen Tag mit niemandem gesprochen oder mit vielen Freund:innen Kontakt hatte, ich war immer am gleichen Ort, immer von den gleichen Dingen umgeben, immer gleich allein.

Menschen, die mir nahe sind, wurden auf den Bildschirmen merkwürdig flach und blieben auf eine Weise unerreichbar.

Sozialen Kontakt während Corona zu halten war immer auch ein fauler Kompromiss. Aspekte, die vorher unwichtig schienen, fielen mir plötzlich durch ihre Abwesenheit auf. Zum Beispiel am gleichen Tisch zu sitzen, das Getränk des:der Anderen zu probieren oder den gleichen Verkehrslärm zu hören.

Vor der Pandemie hätte ich mich nicht gefragt, wie wichtig solche Umräume sind, die wir teilen können oder wie sehr sie eine Begegnung prägen. Selten nur habe ich mir bewusst gemacht, wie viele Informationen die Objekte und Räume über die Menschen bergen, denen wir dort begegnen.

In der Ausstellung »Barzakh« von Lydia Ourahmane in der Kunsthalle Basel ist es andersherum. Hier bin ich zwischen den Möbeln, Kosmetika, persönlichen Gegenständen, Fotos und Büchern von Ourahmane. All diese Habseligkeiten erzählen unglaublich viele Geschichten – von der Künstlerin selbst, aber auch von der Vorbesitzerin der Wohnung. Und obwohl ich die zwei Frauen nicht kennen lernte, die eine, weil sie verstorben, die andere, weil sie nicht anwesend ist, komme ich ihnen doch nahe.

Dort in der Ausstellung frage ich mich dann:

Wie entsteht das Gefühl von Nähe und Vertrautheit zu Menschen, die ich niemals kennengelernt habe?

Und wie erhalte ich die Nähe zu Menschen, die zu kleinen Videos zusammenschrumpfen?

Wie geht es Dir?

Alle Abbildungen stammen aus der Ausstellung «Barzakh» von Lydia Ourahmane in der Kunsthalle Basel.

Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Mai zu sehen.