Im Gespräch mit Katharina Kemmerling

Im Gespräch mit Katharina Kemmerling

Freitagnachmittag, 15:05 Uhr. Fast pünktlich treffe ich im Atelier der jungen Künstlerin  Katharina Kemmerling ein. Sie hat eingewilligt mit mir das erste Interview im Rahmen von kunstkunstkunst zu machen. Mit Bier ausgestattet steige ich die Stufen hoch zu ihren Räumlichkeiten. Bevor wir aber mit dem Gespräch loslegen, ein paar Worte zu Katharinas Kunst.

Ihre gegenwärtige Kunstpraxis ist inspiriert durch aktuelle Geschehnisse, die im direkten Zusammenhang mit der Coronapandemie stehen. Obschon sie seit jeher eine Faszination für die biologischen Zusammenhänge des menschlichen Körpers hat, regt sie die Pandemie dazu an, sich differenzierter mit unserem Körper auseinanderzusetzen, der von aussen bedroht wird. Dabei geht die Schärfung des eigenen Bewusstseins einher mit einer Reise ins Innere seiner Selbst.

Katharina Kemmerling, Tanker, 2020, Teppich, Foto aus der Solo-Ausstellung Loose Threats and Pleasure Objects in der Galerie von Nicolas Krupp

Exemplarisch steht dafür ihr Kunstwerk «Tanker». Als ich das Werk persönlich sah, kribbelte es in meinen Fingern. Ohne genau zu wissen weshalb, hatte ich den reflexartigen Drang das Kunstwerk anzufassen. Liegt es womöglich an der Beschaffenheit der Oberfläche? Sehr wahrscheinlich. Vor mir breitete sich eine Collage stofflicher Fragmenten aus, die in ihrer Ausarbeitung nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine grobmaschig gehäkelte Textile liegt neben einer Feinmaschigen, ein Bündel loser Fäden ragt da und dort heraus, und dann dieses glänzende feste Etwas, das an ein Gehirn erinnert. Nicht zu vergessen die Tatsache: das Kunstwerk ist kunterbunt und je länger man es betrachtet, desto mehr meint man anatomische Elemente zu erkennen. Das erwähnte Gehirn liegt neben menschlichen Gedärmen, da sind Blutgefässe und vielleicht eine rosa Lunge? Und ist das nicht ein Augapfel, der mich aus dem unteren Bereich anblickt?

A: Starten wir mal mit einer ganz simplen Frage: Wie stehst du zu Interview‘s im Allgemeinen? Wie oft hast du
schon eines geführt?

K: „lacht“.

A: Nein ich meine es ernst. Dieses Gespräch ist das erste, dass ich im Rahmen unseres Projektes führe. Ich bin
ziemlich nervös, obwohl wir uns ja schon ein bisschen kennen. Daher versuch ich das nun ganz „cool“ anzugehen. („lacht selbst“)

K: Nun, Interview‘s habe ich einerseits im Rahmen meines Masterabschluss gegeben. Im Vorfeld haben wir aber dazu einen Fragekatalog bekommen und wir konnten uns Gedanken machen, entsprechend war ich vorbereitet. Die anderen Interviews waren sonst recht spontan. Zum Beispiel wurde ich von einer Zeitung angerufen, die mich direkt am Telefon interviewen wollten. Ich kam gerade aus der Arbeit und war total kaputt – war recht lustig. 

A: Da wäre ich auch ziemlich überrumpelt, da hast du’s hier mit mir ja ganz gemütlich.

Situationsaufnahme – der Apfelwein ist auch irgendwo!

Anmerkung: Wir sitzen bei Sonnenschein auf der Terrasse vor Katharinas Atelier bei Bier und Apfelwein. 

A: Wie fühlst du dich aber in solchen Gesprächen? Ich meine, viele Künstler*innen mögen es nicht in der Öffentlichkeit zu stehen und ziehen sich lieber zurück.

K: Grundsätzlich mag ich keine Prüfungssituation daraus machen. Keine Bewertung sollte erfolgen, dass ich mich rechtfertigen muss, das finde ich nicht sehr konstruktiv. Zudem ist es mir wichtig nicht als Person berühmt zu werden – meine Kunst steht im Fokus. Ich gebe gerne Infos darüber, aber ich möchte nicht zu einer Kunstfigur werden.

A: Eine Frage, die ich mir letztens durch den Kopf ging: Wenn du ein Kunstwerk von jemandem siehst, du bist super begeistert davon, lernst dann aber den/die Künstler*in dahinter kennen und die Person ist dir total unsympathisch, was passiert da in dir? Wie stark verändert das deinen ersten Eindruck, vor allem in Anbetracht, dass du selbst Künstlerin bist?

K: Ja, diese Situationen gibt es schon oft. Ich weiss auch nicht, woran es konkret liegt. Eine Möglichkeit ist, dass viel ausgeblendet wird, also die Kunstfigur mehr funktioniert als die Kunst selbst und daraus sich das Interesse ableitet. Hier denke ich muss man zu unterscheiden lernen, was ist die Person, was ist deren Kunst. Je nachdem funktioniert es zusammen oder eben nicht. Da beginne ich mir schon auch differenzierte Fragen zu stellen, also wie entsprechende Künstler*innen z.B sozialisiert sind, wie hat das Umfeld sie geprägt und beeinflusst, was ja wiederum ihre Wahrnehmung der Kunst bedingt.

A: Aber ist das nicht trotzdem ein Widerspruch? Wenn du doch die Person super spannend findest, das was sie denkt/macht/fühlt sollte sich doch dann auch in ihrer Kunst widerspiegeln.

K: Ja, aber ich glaube nicht, dass man das so gleichsetzen darf. Nur weil man eine Person interessant findet, heisst das nicht im Umkehrschluss, dass dir der ästhetische Ausdruck zusagt oder umgekehrt, dass wenn dir die Kunst gefällt, dir die Person sympathisch ist.

A: Vielleicht habe ich da einfach die Vorstellung, dass Kunst ganz aus deinem Inneren herauskommt, etwas sehr Intimes ist und deswegen auch deinen Charakter kennzeichnet. 
Jedenfalls, wenn wir über Kunst-machen sprechen, hast du mal gesagt, dass du gerade Kunst machst, da du darin ein Mittel gefunden hast, all deine vielen Interessen auszudrücken. Kannst du das noch differenzieren?

K: Ich meine, ich hätte viele Berufe wählen können, zum Beispiel habe ich mich ja sehr für‘s Game Design interessiert. Aber so kann ich an allem teilhaben. Zum Beispiel das neue Projekt in Wien im kommenden Sommer, wo ich mich mit Kunst und Wissenschaft gleichzeitig auseinandersetzen darf. Als Künstlerin kann ich in die Forschung, ohne mich als Virologin zu definieren und unabhängig davon, mich auch parallel mit der Gesellschaftsphilosophie auseinandersetzen.

A: Es gibt dir natürlich sehr viel mehr Freiraum. Aber führt dies nicht dazu, dass du eine Blockade hast, dir die Kreativität ausgeht?

Schappschuss von Katharinas Arbeitsplatz

K: Diesen Stress hat man immer, obwohl er bei mir bisher noch nicht eingetreten ist („lacht“). Aber klar, der psychische Stress ist da. Auch diesen Wertungsstress, dem du konstant ausgesetzt bist, also ob deine Werke gut ankommen oder nicht, ist sehr belastend. 
Aber andererseits kann das sehr produktiv sein. Wenn ich bisschen ausholen darf: Stress gehört bei der Realisierung von Ausstellungen einfach dazu. Auch wenn ich danach dieses Post-Exhibition Syndrom habe, am Ende total ausgelaugt bin, bin ich nicht gelähmt. Vor allem wenn es eine wirklich erfolgreiche Ausstellung war. Trotz des ganzen Drucks und der Belastung bringt mich das weiter. Eine gute Ausstellung ist für mich eine, wenn ich danach weiss, woran ich weiterarbeiten kann. 

A: Ja, dieses Gefühl von Leere kenne ich, aber in einem ziemlich weitentfernten Zusammenhang („lacht bisschen sehr laut“.) Zum Beispiel, wenn du eine Serie zu Ende geschaut hast, die du ziemlich gesuchtet hast in kürzester Zeit. Hier entsteht ja auch dieses Empfinden. Was machst du nun, wie geht dein Leben weiter?!?

Weitere Anmerkung: Wir sind nun von Bier zu Katharinas vorzüglichem Apfelwein übergegangen und verkosten das leicht alkoholische Getränk, wie richtige Weinkennerinnen. Man denke nur an die Schmatz- und Gurgelgeräusche, die wir von uns geben. Jedenfalls..

A: Aber wie gehst du mit Kritik um?

K: Nun, wenn sie konstruktiv und angebracht ist, führt mich das weiter. Diskurse sind per se nicht schlecht. Das ist sogar besser als falsche Freundlichkeit. Ich denke, wenn man weiss, was man will, kann man gut mit Kritik umgehen, man kann auf die Gegenargumentation eingehen. Eine klare Verortung in meiner Kunstpraxis hilft mehr sehr im eigenen Prozess. Wenn man sich selbst nicht positionieren kann, wenn man nicht weiss, welche Themen die eigene Kunst diskutiert bzw. nicht diskutiert, dann ist Kritik schwierig und man beginnt sich selbst in Frage zu stellen.

A: Sprechen wir mal noch über deine konkrete künstlerische Praxis, wie geht’s du vor?

K: Eine fast schon wissenschaftliche Recherchearbeit ist schon sehr charakteristisch für mich. Zuerst findet immer ein starker Wissens-Input statt, bevor ich mich entscheide es am entsprechenden Material auszuprobieren. In der praktischen Umsetzung dann merke ich sofort, ob meine Vorstellungen mit dem Material kompatibel sind. Zum Beispiel bei meinem nächsten Projekt möchte ich Erde und Blätter mit einer Art Kleber konservieren, aber alle meine ersten fünf Versuche haben nicht geklappt und jetzt muss ichweitersuchen und vielleicht auch nochmals ganz anders denken.

A: Arbeitest du mit einem Bild im Kopf?

K: Ich habe eine genaue Vorstellung darüber wie‘s entstehen soll, die aber nicht fix ist. Ich bin aber keine Konzeptkünstlerin in dieser Hinsicht, ich könnte mir nicht vorstellen meine Arbeit abzugeben. 

A: Damit meinst du, es ist für dich essential am gesamten Prozess dabei zu sein?

K: Ja, gerade aus dem Try-and-Error lerne ich sehr viel. Die Erkenntnisse, die ich dann bei meinen ersten Versuchen bekomme, sind enorm wichtig, das gesamte ästhetische Bild könnte sich ja ändern. Nehmen wir das Kleberbeispiel. Wenn ich es nicht selbst erfahre, woher weiss ich dann, wie er sich genau mit den Naturalien verhält. Bekomme ich vielleicht eine Zwischenform, die ich dann auch wiederverwenden könnte? Wenn ich beim Findungsprozess nicht dabei gewesen wäre, hätte ich das ja gar nicht mitbekommen. 

A: Letzte Frage, die durch den Kurator Hans Ulrich Obrist inspiriert ist: Was ist dein unrealisiertes Projekt?

K: («Wie aus der Kanone geschossen») Eine Installation die alles umfasst, also Sound, Stoff skulpturale Formen, Video und Animationen. Thematisch würde ich mich wiederrum mit dem Körperinnern auseinandersetzen. Sprich, die Rauminstallation könnte auch begehbar sein und eine direkte Interaktion anbieten. Ich stelle mir ein Spiel mit realen Animationsprojektionen vor und 3D. Zudem wäre der gesamte Raum an verschiedenen Stellen mit «Geräten» versehen, die an Töne des Körperinnern erinnern. 

A: Tönt fantastisch, schauen wir was die Zukunft bringt!